Hunger
1/2hunger
Ăber
German Public Radio
Hunger
Hörspielbearbeitung - ein Hörspiel von Knut Hamsun, SDR 1961
159 Min.
Regie: ClÀre Schimmel
Bearbeitung: Fritz Ludwig Schneider
Mit: Oskar Werner
Der innere Monolog schildert das Schicksal eines namenlosen jungen Intellektuellen, der an den Rand des körperlichen, seelischen und geistigen Zusammenbruchs gekommen ist. Er hat einmal bessere Tage gesehen; jetzt haust er in einer winzigen Mansarde und lebt von gelegentlich angenommen, doch zumeist abgelehnten Zeitungsartikeln. Seine Versuche, eine andere Arbeit zu finden, scheitern alle. Knut Hamsun zeichnet das erschreckende Bild eines vom Hunger ausgehöhlten Mannes, der das GefĂŒhl hat, sich körperlich und geistig aufzulösen.
Ursendung: 11.10.1961
--
KNUT HAMSUN: HUNGER
Zur Weltliteratur zĂ€hlt ohne Zweifel der Roman âHungerâ des
Norwegers Knut Hamsun. Der Schriftsteller Hamsun, 1859 geboren und
1952 gestorben, steht jedoch bespielhaft fĂŒr den nicht aufzulösenden
Widerspruch zwischen Leben und Kunst, Werk und Autor. Ihn
identitÀtstheoretisch aufheben zu wollen, entsprÀche einer
Simplifizierung dieses komplexen Widerspruchs.
Knut Hamsun erhielt 1920 den Nobelpreis fĂŒr Literatur. Er
sympathisierte spĂ€ter mit den Nazis. Sein Roman âHungerâ von 1890
gilt wiederum als radikaler Meilenstein moderner Prosa.
Im Zentrum steht ein junger Mann, der KĂŒnstler werden will. Und
dieser namenlose Mann erzÀhlt vom eigenen sozialen Abstieg in
Kristiana, dem heutigen Oslo. Arbeitslos, gedemĂŒtigt, nervös und
ĂŒberempfindlich, sich stolz dem Betteln verweigernd, verzweifelt mit
Gott hadernd und doch nach ihm sich sehend, bezeugt die Figur, vom
Hunger beinahe in die völlige geistige Auflösung und physische
Vernichtung getrieben, die existenzielle Verlassenheit des Menschen.
Oder wie der Philosoph Georg LukĂĄcs es nannte: Hamsuns Held ist
gezeichnet von der âtranszendentalen Obdachlosigkeitâ nach dem
Tode Gottes. Als menschliches Wrack bleibt dem Ich-ErzÀhler im Hafen
von Kristiana nur noch die Hoffnung, dass ihm die Flucht ĂŒbers Meer
nach England gelingen möge. Mit diesem offenen Ende bricht der Roman
ab.
Der Literaturkritiker Hajo Kesting notierte nach erneuter LektĂŒre des
Romans im Jahr 2016, Zitat: âDie Beschreibung des Hungers und des
nackten Existenzkampfes, die ungemein einprÀgsame
Wirklichkeitsschilderung lÀsst einen Schriftsteller des Naturalismus
vermuten. Doch nicht die soziale Komponente des Hungers steht im
Vordergrund, sondern es sind seine psychischen Auswirkungen, die
Ekstase, die Gewalt der Fieberphantasie, die Spannung zwischen dem
verfallenden Körper und der sich leidenschaftlich zur Wehr setzenden
Seele, die Hamsun zu erfassen sucht. Das durch den Hunger ebenso
geschwĂ€chte wie gesteigerte Wahrnehmungsvermögen fĂŒhrt den
Ich-ErzĂ€hler zu quĂ€lenden Selbstreflexionen.â
Die minutiös beschriebenen Selbstreflexionen der Hauptfigur sind
dabei nicht fern vom Grotesk-Komischen und sie nehmen mehr Zeit in
Anspruch als diese in Sekunden stattfindenden Prozesse der
IdentitÀtsauflösung selbst. Hamsun markiert dabei genau einen Aspekt
moderner Prosa, in dem die ErzÀhlzeit im Roman sich dehnt und lÀnger
ist als die erzÀhlte Zeit, also das, was geschieht. Zugleich werden
weder psychologisiert noch erklÀrt die Verwirrungen und Irrungen.
Hamsuns Roman von 1890 öffnet gleich mehrere TĂŒren in die
literarische Zukunft â in die Moderne von Impressionismus,
Surrealismus und Existenzialismus. Und er ist ungemein spannend
geschrieben.
FĂŒr die SDR-Produktion aus dem Jahr 1961 konnte damals der groĂe
österreichische Theater- und Filmschauspieler Oskar Werner
verpflichtet werden. Er war in Filmen von Max OphĂŒls oder Stanley
Kramer zu sehen. International berĂŒhmt machten ihn die Hauptrollen in
François Truffauts âJules et Jimâ und âFahrenheit 251â. Trotz
seines Erfolges blieb die Auseinandersetzung mit der Weltliteratur
eine von Werners groĂen Lieben; und so arbeitete er immer wieder bis
zu seinem Tod 1984 im Hörspiel oder tourte als Rezitator.
Mit: Oskar Werner
Hörspielbearbeitung: Fritz Ludwig Schneider
Regie: Claire Schimmel
Produktion: SĂŒddeutscher Rundfunk 1961
Kommentare
Seien Sie der Erste, der kommentiert
Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Inhalt. Beginnen Sie die Diskussion!